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Bericht: Elfriede Schreyer Heilerziehungsanstalt Kalmenhof (Calmenhof)

Elfriede Schreyer war 1943 Waise geworden. Ihre Eltern bei einem Luftangriff in Kassel ums Lebens gekommen.
Die 12-jährige kam über einige Zwischenstationen nach Idstein. Weil sie kaum sprach, erhielt sie in ihrer Fürsorgeakte
den Vermerk angeborener Schwachsinn. Das bedeutete im Kalmenhof damals in der Regel den sicheren Tod. Denn in
der Krankenstation des Fürsorgeheims nur ein paar Meter vom Bubenhaus entfernt in der sogenannten
Kinderfachabteilung wurden Ballastexistenzen, Kinder die als unnütze Esser bezeichnet wurden und deren Leben als lebensunwert galt, systematisch ausgerottet. Wie in anderen Heimen in ganz Deutschland hatten sich Leitung und
Personal des Kalmenhofes zunächst an der Selektion für die Zwangssterilisierung solcher Kinder beteiligt und seit
1941 unter dem stellvertretenden Heimdirektor Wilhelm Großmann diente der Kalmenhof aber auch als Zwischenlager
für die Transporte nach Hadamar, dem hessischen Vernichtungslager, in dem die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogrammes vergast oder zu Tode gespritzt wurden.
Ich hab gestern einen der letzten drei noch lebenden Leute gesprochen, die in der Zeit bis 1945 hier im Heim im Kalmenhof gearbeitet haben. Er hat mir das noch mal erzählt, wie er selbst gesehen hat, wie die Busse hier vor dem Haupteingang vorgefahren sind mit den zugehängten Vorhängen. Die Busse der GEKRAT – mit dem schönen Namen Gemeinnützige Krankentransportgesellschaft - sie brachten ständig Nachschub. Sie luden aussortierte Kinder für die angebliche Kinderfachstation im Kalmenhof aus und nahmen für Hadamar bestimmt Kinder mit. Er herrschte im Kalmenhof laut Heimdirektor Großmann ein Kommen und Gehen. Das Kommen und Gehen steht in den Prozessakten des Kalmenhof-Prozesses.

Oft fuhren zwei bis drei Busse mit jeweils 30 Kinder und Jugendlichen gleichzeitig im Kalmenhof vor. Manchmal kamen Transporte mit 100 Personen auch am Bahnhof Idstein an. Das Treiben blieb im Ort nicht verborgen. Viele Idsteiner wussten schon bald, worum es ging, berichten Zeitzeugen. Die Erzieher mussten sämtliche Akten, Wertgegenstände und Geld der Zöglinge mit auf den Transport geben. Sie registrierten auch, dass nur wenige Tage nach der Abfahrt der Zöglinge deren Kleidung aus Hadamar als nicht länger benötigt zurück kam. Als zur Jahreswende 1942 die Transporte nach Hadamar vorübergehend eingestellt wurden, lief die Tötungsmaschinerie auch im Kalmenhof selbst an. Ärzte und Schwestern der Kinderfachabteilung, es waren eigentlich nur zwei Schwestern, die Schwester Maria und die Ärztin Frau Dr. Weber und noch eine andere Schwester, diese Kinderfachabteilung brachten von 1941 bis zum Einzug der Amerikaner in Idstein im März 1945 wahrscheinlich 1000 Kinder und Jugendliche um. Die meisten waren kaum älter als 15 Jahre. Genau zu dieser Zeit war Elfriede Schreyer als junges Mädchen ins Idsteiner Heim gekommen. Da sie arbeiten konnte, musste sie wie die anderen damals noch rund 400 Heimzöglinge überall mit anpacken. Kurz vor ihrem 14. Geburtstag kam sie mit Fieber auf die Krankenstation. Alle im Heim wussten, dass man die Krankenstation eigentlich nicht mehr lebend verlässt. Sie lag dort einige Wochen und wunderte sich, dass morgens, wenn sie aufwachte, viele der anderen Betten um sie herum leer waren. Das Gift mit dem die Kinder ermordet wurden, kam aus einer Apotheke in Idstein. Es waren Luminaltabletten und Morphiumspritzen. Das Rezept stellte die Ärztin aus. Die Angehörigen erhielten meist die knappe Mitteilung: plötzlich verstorben, Beerdigung konnte nicht aufgeschoben werden.

An die Heidelberger Universitätsnervenklinik, an der Untersuchungen an asozialen Gehirnen vorgenommen wurden, schickte der Kalmenhof heimlich die Gehirne einiger Asozialer. Das steht in dem Buch, Die Idee der Bildbarkeit, das es leider kaum noch gibt und das unbedingt wieder gedruckt werden sollte.
Als die Heimärztin Mathilde Weber zu einer 6-wöchigen Fortbildung nach Heidelberg fuhr, sank die Zahl der toten Kinder fast auf Null. Interessant ist, was bei dieser Fortbildung der Kalmenhof-Ärztin geschah. Es wurde mit Elektroschocks und Darminfektionen an lebenden Menschen in Heidelberg experimentiert. Einige Patienten starben daran noch während des Kurses. Das Ziel dieser Elektroschockversuche war, ein therapeutisches Koma bei widerspenstigen Fürsorgezöglingen einzuführen. Der Kalmenhof erhielt sogar ein solches Elektroschockgerät, von dem ich gehört habe, dass es in den 50er Jahren noch da gewesen sein soll. Elfriede Schreyer, die nach dem Krieg noch mehr als Jahrzehnte bis 1970 im Heim bliebt, hatte Glück. Die Todesärztin Weber erkrankte selbst an Tuberkulose. Die Tötungen wurden ausgesetzt. Elfriede kam zurück ins Mädchenhaus. Sie überlebte auch, weil sie sich nützlich machte und gebraucht wurde. Sie arbeitete in der Hauptküche, schälte Kartoffeln, bereitete das Essen vor. Im schwarzen Kleide mit weißer Schürze und Häubchen bediente sie im Heimkasino, so hieß damals der Sternensaal, die hohen Herren des Kalmenhofes, Offiziere der SS und Idsteiner Nazis. Neun Monate vor Kriegsende, im Sommer 1944 übernahm der Arzt Hermann Wessel die Nachfolge der erkrankten Ärztin. Da sie ihm jedoch kaum noch angelieferte Delinquenten hinterlassen hat und Transporte aus Berlin nicht mehr kamen, suchte der Nachfolger nach möglichen Ballastexistenzen direkt im Kalmenhof. Dabei hatte er im stellvertretenden Heimdirektor Großmann einen willigen Verbündeten. Der forderte seine Erzieher und Werkstättenleiter auf, Listen von Bettnässern anzufertigen. Anschließend schickte Großmann diese Zöglinge zur Station Wessels.
Im Kalmenhof wurden damals auch als asozial und widerspenstig geltende Fürsorgezöglinge getötet. Fürsorgezöglinge. Besonders solche, die wiederholt aus Heimen geflohen waren oder als unbildbare, arbeitsscheue Zöglinge galten.

Erst der Einmarsch der Amerikaner im März 1945 machte dem Morden im Kalmenhof ein Ende. Das Töten der Ballastexistenzen wurde gestoppt. Die wichtigsten Beteiligten verhaftet, aber der Ungeist der NS-Zeit und der Erziehung lebte noch lange weiter.



Bericht: Elfriede Schreyer nach 1945
Elfriede Schreyer musste auch nach der Befreiung im Kalmenhof bleiben. Sie wird stets Überwachung und Führung nötig haben, heißt es 1946 in einem Akteneintrag über sie. Später, nachdem sie als 20-jährige Anfang der 50er Jahre erstmals Mutter geworden war, wurde ihr sexuelle Triebhaftigkeit unterstellt. Sie selbst versprach sich von einem Mann endlich aus dem Heim herausgeheiratet zu werden. Wahrscheinlich wurde die traumatisierte junge Frau von Erziehern im Heim geschwängert. Mehrmals versuchte sie zu fliehen. An die Schläge mit dem Rohrstock, wenn sie gefasst wurde, konnte sie sich noch gut erinnern. Eine Schule durfte sie nie besuchen. Viele der alten Erzieher und Angestellten im Kalmenhof blieben teils bis in die 60er Jahre dort weiter beschäftigt. Gestern erzählte mir der inzwischen 91-jährige Erzieher Fritz Kirsch, der 14 Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner in Idstein selbst verhaftet und verhört wurde, dass ein Erzieher, der nach seiner Ansicht direkt an der Euthanasie beteiligt gewesen war, noch lange im Kalmenhof beschäftigt war und unbehelligt blieb. Das müsste man noch genauer nachprüfen.

1956 brachte Elfriede ihren Sohn Heinz zur Welt. Sie gab ihn trotz Druck nicht zur Adoption frei. So kam er wie seine beiden Geschwister direkt nach der Geburt in ein Säuglingsheim nahe Idstein. In den Fürsorgeakten steht, dass der Sohn der schwachsinnigen Elfriede auch selbst schwachsinnig aussehe und daher nicht von einer Pflegefamilie akzeptiert werden könne. 1957 wurde Elfriede unter ungeklärten Umständen sterilisiert. 1957!!
In den ersten 11 Lebensjahren sah Heinz seine Mutter nur bei einem einzigen Besuch im Kalmenhof. Erst 1967 ließ man ihn zu ihr. Heinz wurde ins Bubenhaus eingewiesen. Gruppe zwei im zweiten Stock. Nun war er zwar in Elfriedes Nähe, aber in den ersten Wochen bekam der Sohn seine Mutter kaum zu Gesicht. Die Kalmenhof-Dienstmagd arbeitete außer in der Küche und der Wäscherei in einer Bäckerei in Idstein, ebenfalls ohne echten Lohn. Zudem putzte sie bei Angestellten, Lehrern, Direktoren des Kalmenhofes. Sie hat in den Jahren der Euthanasie gelernt, dass ihr nichts geschah, solange sie eben arbeitete. Heinz sah seine Mutter nur, wenn sie ihn bei den Mahlzeiten im Speisesaal bediente. Der 12-jährige stand in der Hierarchie der Bubenhauses recht weit unten. Er und seine Mutter galten als der letzte Dreck bei den Erziehern. Heinz wurde von ihnen Bastard gerufen und selbst die anderen Kinder tuschelten und stichelten. Das Leben im Heim war unerträglich für ihn, doch abhauen konnte er nicht. Zu wem auch. Seine Mutter war wie er ja im selben Heim. Heinz und Elfriede Schreyer mussten sich manches Mal Sprüche anhören wie dich haben sie wohl vergessen, zu vergasen. Auf dem zum Kalmenhof gehörigen Hof Gassenbach hatten zwei der besonders brutalen Erzieher alte Nazi-Tätowierungen. Einer brüstete sich ständig offen mit seiner Zeit bei der SS.
Heinz-Peter Junge erlebte öfter wie sie besonders grausam und ohne jegliches Verständnis für ihre Lage behinderte Kinder als Krüppel verspotteten und züchtigten, wenn sie auf dem Kartoffelacker bei der Ernte nicht mithalten konnten. Einmal ging er dazwischen, als er sah, wie ein Erzieher mit einem Keilriemen nach den Behinderten schlug. Er bekam den harten Riemen selbst mehrfach über sein Gesicht gezogen. Ein anderes Mal war ein langer Nagel in dem Brett, mit dem derselbe Erzieher wegen Arbeitsverweigerung nach Junge schlug. Die Spitze grub sich tief in seinen Rücken, die Umstehenden hatten Mühe Heinz-Peter damals abzuhalten, selbst zum Täter zu werden. Er hatte den Erzieher mit dem Kopf schon fest in den Misthaufen gedrückt. In den 60er Jahren achtete Direktor Göschel wie schon sein Vorgänger Ernst Illge in den 50er Jahren stets darauf, nur harte Kerle einzustellen. Göschel hielt auch die Erzieher an, mit aller Härte durchzugreifen. Eine Abrechnung mit der Ideologie und Pädagogik der Nazi-Zeit fand im Kalmenhof damals nicht statt. Dazu trug auch das Schweigekartell der Bürger vor Ort bei. Die Idsteiner sorgten dafür, dass die Massenmorde an wehrlosen Kindern und Jugendlichen rasch vergessen wurden. Fast alle Beteiligten an den Verbrechen im Kalmenhof blieben ohne nennenswerte Bestrafung und lebten zum größten Teil in Idstein weiter, als wäre nichts gewesen. Zwar wurden Heimdirektor Großmann und die beiden Ärzte Weber und Wessel 1947 zum Tode verurteilt, doch wurden in den 50-er Jahren die Urteile in Gefängnisstrafen umgewandelt und alle Verurteilten kamen, bis auf Wessel, vollends frei.

Die Idsteiner Bevölkerung unterstützte aktiv eine Revision der Gerichtsurteile für den Direktor des Kalmenhofes und die Ärztin Weber, Ehegattin eines angesehenen Idsteiner praktischen Arztes, der übrigens als Stabsarzt auch im Krankenhaus im Lazarett im Kalmenhof tätig war. Es seien doch stets charaktervolle und wohltätige Mitbürger gewesen, hieß es. Jeder hier weiß, das ist jetzt ein wörtliches Zitat aus der Petition der Idsteiner Bürger jeder hier weiß, mit welchem Pflichtgefühl und welche Liebe sich Frau Dr. Weber für die ihr anvertrauten Pfleglinge und Patienten eingesetzt und aufgeopfert hat. In den schmucken Gassen des durch den Krieg kaum in Mitleidenschaft gezogenen Fachwerkstädtchens wurden dafür sogar 600 Unterschriften gesammelt. Ein Pfarrer, ich glaube ein evangelischer Pfarrer, forderte ebenso die Revision wie die Bürgervertretung Idsteins. Frau Dr. Weber lebte bis zu ihrem Tod hier in Idstein. Man sah sie bis vor einigen Jahren, wenn sie durch die Fußgängerzone zu ihrem Mietshaus ging. Der ursprünglich zum Tode verurteilte Direktor Großmann kam noch 1970 als angesehener Mann in den Kalmenhof, um seine Beihilfeanträge als ehemaliger Staatsdiener einzureichen. Im Kalmenhof sprach niemand über die Vergangenheit. Auf dem Massengrab wucherte Unkraut. Ein paar Obstbäume wurden gepflanzt. Der neue Direktor der Heimschule ließ Anfang der 60-er Jahre einen Schulgarten errichten. Heinz Schreyer erinnert sich noch Salat, Radieschen und Mohrrüben, die in den kleinen Beeten in der Nähe des Massengrabes von ihm und anderen Mitschülern geerntet wurden. Die junge Psychologin Gertrud Zovkic, die zur Jahreswende 1966/67 im Kalmenhof ihre Arbeit aufnahm, entsetzte sich über die Zustände, die sie vorfand. Sie lernte dort vollkommen unfähige Erzieher und mittelalterliche Zustände kennen und prangerte 1969 dann auch öffentlich die autoritären und demagogischen Praktiken des damaligen Kalmenhof-Direktors Göschel an, denn die Prügelstrafe ist im Kalmenhof noch immer System, schrieb sie damals. Einige der von ihr als militaristisch kritisierten Erzieher hatten zu ihrem Entsetzen mehrere Zöglinge als Prügelgarde eingesetzt, die renitente Heiminsassen zusammenschlug. Vor dem Wiesbadener Schöffengericht mussten sich später insgesamt fünf Erzieher wegen Misshandlung Schutzbefohlener verantworten. Einer verteidigte sich mit der Bemerkung Ohrfeigen hat es bei uns doch oft gegeben, da war doch nichts besonderes dran. Darüber hat die Frankfurter Rundschau damals groß berichtete. Die Erzieher sind auch mit Foto und Namen in diesem Artikel gezeigt und genannt.

Das Ende vom Lied, es gab Geldstrafen, 60 DM und 100 DM. Dabei hatte einer der Erzieher vor Gericht berichtet, durch eine Ohrfeige habe ein Zögling einen Trommelfellriss erlitten. Und ein vom Schreiner zum Kalmenhof-Erzieher aufgestiegener Mann hatte vor Gericht sogar gestanden, ich hab auch schon mal mit dem Stuhlbein geschwungen. So war das im Kalmenhof in den 60-er Jahren. Der Prozess war 1971. Die Psychologin Zovkic setzte sich auch für das Ende des Schlachtbetriebes ein sowie dafür, dass Elfriede Schreyer nach beinahe drei Jahrzehnten den Kalmenhof endlich verlassen dürfte.

Es war jedoch so: diese Aufklärung, diese Aktivitäten brachten der Frau Zovkic jede Menge Ärger ein, nicht nur mit den Erziehern, sondern auch mit Idsteiner Bürgern und vor allem mit der Kasseler Zentrale des Landeswohlfahrtsverbandes. 1970 musste nicht Direktor Göschel, sondern zuerst die Nestbeschmutzerin Zovkic gehen. Der Landeswohlfahrtsverband holte Göschel dann in seine Hauptverwaltung nach Kassel. Die meisten Erzieher, das stellte Karl Reitinger, der spätere Nachfolger Göschels 1972 bei seinem Amtsantritt fest, waren ohne entsprechende Qualifikation auf die Kinder losgelassen worden. Von 90 Angestellten im Gruppendienst hatten nur vier, man stelle sich das einmal vor: vier von 90, eine echte pädagogische Ausbildung. Es dauerte jedoch noch lange, bis der neue Direktor hinter alle Geheimnisse des Erziehungsheimes kam, denn 1978, zum 90-jährigen Bestehen hatte er sich unter Mitarbeitern über die Geschichte des Hauses erkundigt und auf Grundlage dieser Informationen hielt er dann vor 150 Gästen und Angestellten eine Rede im Sternensaal des Hauptgebäudes, mit dem er unbewusst die Legenden um die Vergangenheit des Heims weiterspann. Wörtliches Zitat – ich weiß nicht, ob Herr Reitinger hier ist – „Bevor ich mit einem großen Sprung an die Gegenwart anknüpfe, möchte ich jedoch einer Frage nicht ausweichen, die oft gestellt wird: Wurden in der Hitlerzeit im Rahmen des sogenannten Euthanasieprogramms im Kalmenhof Menschen umgebracht? Diese Frage kann mit einem klaren Nein beantwortet werden. Keiner der Festgäste erhob Einspruch. Unter ihnen waren aber viele, die es besser wussten. Erst als Anfang der 80er Jahre Idsteiner Schüler eine Studienreise mit der Aktion Sühnezeichen nach Auschwitz machten, brachte ein junger Pfarrer den Verdacht mit, dass im Kalmenhof Kinder umgebracht worden seien. Ein Auschwitz-Überlebender hatte den Kindern gesagt: Ihr seid doch aus Idstein, wisst ihr eigentlich, dass bei Euch im Kalmenhof Kinder umgebracht worden sind?

Es ist unglaublich, dass das dieses Wissen um den Kindermord im Idsteiner Kalmenhof binnen weniger Jahre verloren ging. Ich hab mich heute Morgen, als ich das noch mal las, gefragt, was haben die Direktoren hier überhaupt mitbekommen von der Wirklichkeit, oder was wollten sie davon nur mitbekommen? Was hat der Landeswohlfahrtsverband von der Wirklichkeit der Fürsorgeerziehung mitbekommen, was die zuständigen Aufsichtsbehörden des Landes Hessen, wenn nicht einmal ein Massengrab auf dem eigenen Heimgelände mehr da ist, obwohl es da ist?
Die Gartenbeete der Fürsorgezöglinge bei dem Massengrab wurden diskret beseitigt, doch es dauerte dann auch immer noch eine ganze Weile, bis 1987 alle Widerstände für ein Gedenken gebrochen waren und einige Inschriften an dieser Stelle angebracht wurden. Heute erinnert immerhin eine Ausstellung im Kalmenhof an die Massenmorde der Nazijahre. Sie endet natürlich 1945.

Kürzlich trafen sich einige der Jungen aus dem Bubenhaus zum ersten Mal nach mehr als drei Jahrzehnten wieder in ihrem ehemaligen Heim. Volker, Karl-Heinz, Michael und der Sohn von Elfriede Schreyer waren mit dabei. Sie standen vor dem Rasen unter dem mindestens 600 Ermordete liegen und fanden das ungeheuerlich, dass sie nah dieser Stelle einst Radieschen geerntet hatten, dass sie jedoch Morgen auf ihrem Schulweg zur Heimvolksschule hier vorbei kamen, ohne etwas davon zu wissen, in Zweierreihen, immer mit einem fröhlichen Volkslied auf den Lippen.

Die Erinnerungen an den Kalmenhof sind immer in mir, sagte Volker. Die gehen nicht weg. Er will eines der Mädchen finden, die er versucht hat vor den Grausamkeiten der Erzieher zu beschützen, die Marion. Bis jetzt hat er sie noch nicht gefunden. Michael Fritz ist schwer traumatisiert. Er fürchtet sich vor Händen, kann nicht in engen Räumen sein, bekommt Angstzustände, wenn er unter der Dusche steht. Heinz-Peter Junge würde noch einmal gern den Erzieher sprechen, der ihn damals auf dem Landgut des Kalmenhofes zusammengeschlagen hat, nur um zu fragen, warum er damals eigentlich so brutal gewesen war. Doch sein Brief nach Idstein blieb bis heute unbeantwortet.