Startseite
Petition  Heimkinder
Petitionsausschuss meiner Mutter
Meine Geschichte +Leserbriefe
Geschichte meiner Mutter
LWV - Hessen Kassel
Meine Mutter, Zeugin und Überlebende
Vatersuche
Berichte
Vorträge in Schulen
Hünfeld
Anfrage Schule Idstein
Günter Klefenz +Heinz Schreyer
Wichtige Links
Krankenbericht Elfiede Schreyer
Bericht: Elfriede Schreyer
Der Kalmenhof damals
Erinnerungen Kalmenhof
Ehemalige aus dem Kalmenhof
Persönlicher Bericht 1
Persönlciher Bereicht 2
Persönlicher Bericht 3
Meine Musik: Neil Diamond
Familienausschuss
Tagung Ronneburg
Amtsgericht
Die Unwertigen
Folgeschäden
Forum Heimkind
Antworten Forum
Bilder
Videos
Gästebuch
Impressum
   
 

HÜNFELD Zeitung Regional Presse
Ein außergewöhnlicher Referent ist kürzlich in der Konrad-Zuse-Schule zu Gast gewesen: Das ehemalige Heimkind Heinz Schreyer berichtete den Oberstufenschülern von seinen Erlebnissen in einem Erziehungsheim.


Großes Interesse, aber auch Bestürzung und Fassungslosigkeit machten sich dabei unter den Schülern breit. Der hagere Mann mit der markanten Brille streckt seine Hände nach vorn und zeigt den Schülern, wie er und die anderen „Zöglinge“ damals im Erziehungsheim des Landeswohlfahrtsverbandes Kalmenhof mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen wurden. Ein Raunen und Zischen geht durch die Menge, die jungen Frauen und Männer scheinen mitzuempfinden, wie Heinz Schreyer gelitten haben muss. Der heute 56-Jährige verbrachte 27 Jahre seines Lebens in verschiedenen Heimen – die schlimmsten Erfahrungen durchlebte er ab 1967 im Erziehungsheim Kalmenhof in Idstein. Prügel, Erniedrigungen und Kinderarbeit seien hier an der Tagesordnung gewesen, sagt Schreyer. Auch seine Mutter lebte lange Zeit dort. Im Alter von zwölf Jahren wurde sie in das Heim gebracht, wo bei ihr „mittlerer Schwachsinn“ diagnostiziert worden sei. Von nun an habe man sie wie Vieh behandelt. Ihre drei Kinder nahm man ihr nach der Geburt weg, jeglicher Kontakt wurde untersagt. So wuchs Heinz Schreyer als Einzelkämpfer auf – ohne familiäre Bindungen und Bezugspersonen. „Wenn ich abends ins Bett gehe und das Licht ausschalte, bin ich ganz alleine“, beschreibt er die Spätfolgen und erzählt, dass die Bilder der Misshandlungen manchmal wieder hoch kämen. Dann erinnere er sich an die Schläge, wenn er sich beim allgemeinen Duschen oder Schlafen nicht unterordnen wollte. Als „schwarze Pädagogik“ würden diese Erziehungsmethoden heute bezeichnet. „Das ist schon wirklich krass, was sich damals in den Erziehungsheimen abgespielt hat“, kommentiert die Fachoberschülerin Birte Papenguth die Schilderungen des ehemaligen Heimkindes.

Anpassung war nicht einfach

Heute habe er die Vergangenheit hinter sich gelassen, sagt der gelernte Maler. Es sei aber schwer gewesen, sich nach der Zeit im Heim an die „Welt da draußen“ anzupassen, da er ein Leben außerhalb nie kennengelernt habe. Zu seiner Mutter habe er bis dato kein normales Verhältnis. Erst nach 40 Jahren sei es ihm ein einziges Mal gelungen, sie in den Arm zu nehmen, antwortet er auf die Frage einer Schülerin, wie er denn heute zu seiner Familie stehe. Seinen Vater habe er noch nie gesehen. Mittlerweile ist Schreyer verheiratet und zweifacher Familienvater. Sein Sohn leidet an einer geistigen Behinderung, weswegen Sozialpädagogen der Familie empfohlen haben, den Jungen in einem Internat unterzubringen. Familie Schreyer lehnte jedoch ab. „Manchmal kommt es mir so vor, als ob sich meine Geschichte in einer anderen Zeit mit meinem Sohn wiederholt“, beschreibt der 56-Jährige seine Empfindungen. Auf die Frage einer Lehrerin, warum er den Schülern seine Geschichte erzähle, antwortet Heinz Schreyer: „Ich möchte vor allem junge Menschen dazu bewegen, immer mit Güte und viel Menschlichkeit zu handeln.“ Er wäre gerne Superman, könne aber nur einen winzig kleinen Teil zu einer besseren Welt beitragen. Dass sein Vortrag beim Publikum großen Anklang fand, zeigte der Schlussapplaus.
Von unserer Mitarbeiterin
Marie-Theres Schindler
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Es ist schon ein erhebenes Gefühl, das richtige zu machen und wenn es bei den Zuhörer so einen guten Anklang findet, muss man einfach weiter machen.



Misshandelt im Heim
Heinz Schreyer sprach in der Adolf-Reichwein-Schule über sein Schicksal
Heinz Schreyer, ehemaliges Heimkind des Kalmenhofs in Idstein.
Jahrzehnte lang wurden in deutschen Heimen und
Internaten Kinder misshandelt, missbraucht und ausgebeutet. Eines dieser Opfer ist Heinz Schreyer, der seine Kindheit in Heimen verbringen musste, zuletzt im Idsteiner Kalmenhof.
Limburg. Über sein Schicksal sprach Heinz Schreyer vor Schülern der acht Klassen der Fachschule für Sozialpädagogik und Heilerziehungspflege der Adolf-Reichwein-Schule. Er war von Studienrat Thomas Fasel eingeladen worden.
Schon die Mutter von Heinz Schreyer wurde als Kind auf Betreiben ihres Stiefvaters in den Kalmenhof eingewiesen. Das war 1943. Nur mit viel Glück überlebte sie die mörderischen Euthanasie-Programme der Nazis. Die Etikettierung «mittlerer Schwachsinn» auf ihrer Akte wurde ohne Überprüfung bis in die 70er Jahre hinein fortgeschrieben.
Sadistische Erzieher
Vier Kinder brachte Elfriede Schreyer während ihres Heimaufenthaltes zur Welt. Die Väter sind unbekannt, wahrscheinlich wurde sie vergewaltigt. Ein Sohn starb früh, die drei anderen Kinder, «Opfer in zweiter Generation», lebten von Geburt an in Heimen. «Zusammen kommen wir auf 90 Jahre Heinaufenthalt», sagt der zweite Sohn, Heinz Schreyer, der heute 54 Jahre alt ist. Er kam nach der Unterbringung in einem kirchlichen Heim im Alter von elf Jahren nach Idstein in den Kalmenhof. Seine Mutter durfte er dort nicht sehen.
«Wir waren Dreck, wir waren nichts. Die Erzieher waren Sadisten, Erniedrigung war das pädagogische Konzept. Da wehte noch der Geist der Nazis», sagte Schreyer. Er berichtete von Zwangsarbeit auf dem Feld, von Prügeln, wenn er die verlangten zwölf Kisten Möhren nicht geschafft hatte, und von dem Erzieher mit Schäferhund, der die arbeitenden Kinder bewachte. Mit dem Stock wurde auf die Fingerkuppen geschlagen, im Schnee musste man stehen bis zum Umkippen.
Es gab ein dunkles Verlies im Keller, wo die Kinder zur Strafe bei Wasser und Brot eingesperrt wurden. Sexueller Missbrauch, Vergewaltigungen durch ältere Jungen waren an der Tagesordnung. Im Duschraum war es ratsam, «immer mit dem Rücken zur Wand» zu stehen. Die Erzieher duldeten die Übergriffe, sahen weg, nutzten sie als Disziplinierungsmaßnahme. Sie selbst vergewaltigten nicht, das sagt Schreyer ausdrücklich.
«Ich war der Bastard für die, ich habe geglaubt, dass ich nichts wert bin, das wurde uns immer gesagt.» Schreyer galt als schwachsinnig, eine mögliche frühe Adoption wurde deshalb nicht genehmigt, eingeschult wurde er als geistig Behinderter.
Seelische Verletzungen
Liebe und Zuneigung lernte er nicht kennen, auch nicht, wie man sich im Alltag zurechtfindet. Aber arbeiten, das konnte er. Mit 14 Jahren siedelte er in ein Jugendwohnheim nach Frankfurt über, machte eine Lehre als Maler und Lackierer, heiratete spät, bekam zwei Kinder.
Dabei sieht er durchaus «die Gefahr, als früheres Opfer selbst zum Täter zu werden». Schreyer beschaffte sich im Kalmenhof die Akten seiner Familie, stellte den Kontakt zu Mutter, Bruder und Schwester her, schrieb seine Geschichte auf und ging damit an die Öffentlichkeit. «Es ist wichtig, in die Zukunft zu sehen, aber man sollte sich immer vor Augen halten, wie es früher war.» Heute sei alles anders, besser geworden. Prügelnde Erzieher seien längst entlassen worden, Prügel nicht mehr erlaubt, Regeln und Gesetze würden eingehalten, die Würde der Kinder werde geachtet.
Den Reichwein-Schülern, die ihm gebannt zugehört hatten, beantwortete Heinz Schreyer nach seinem Vortrag viele Fragen. Ja, es gebe noch Kontakt mit einigen früheren Heimkindern, aber er habe generell wenige Freunde, «Vertrauen ist schwer».
Die Mutter lebe in einem Altenheim, finanzielle Entschädigung für ihre Zwangsarbeit habe sie nicht bekommen, genau so wenig wie er. Seine seelischen Verletzungen habe er versucht, selbst zu therapieren, die Musik von Neil Diamond half ihm dabei. «Aber manchmal, wenn das Licht ausgeht, bin ich allein, dann kommen die Bilder zurück.»